Steckbrief

Anne Arlt

Alter: 41
Wohnort: Oberlausitz
Beruf/Ausbildung: Kostenverhandlerin bei der Diakonie

Wann war deine Amputation?
April 2025

Wie kam es zu deiner Amputation?
Streptokokken – eigentlich nichts Besonderes. Und doch haben sie mein Leben komplett verändert. Einmal um 180 Grad gedreht. Ein Neuanfang, könnte man sagen. Durch die Infektion entwickelte sich eine Lungenentzündung, die schließlich zu einer schweren Sepsis führte. Acht Tage Koma, vier Tage Aufwachphase – und plötzlich liegt man nach den verrücktesten Träumen mit schwarzen Gliedmaßen auf der Intensivstation.

„Das gehört nicht mehr zu mir, das muss ab“, habe ich meiner Familie gesagt – beziehungsweise mit Lippenbewegungen vermittelt. Nach der Beatmung über einen Tubus bekam ich eine Trachealkanüle, wodurch eine Verständigung nur sehr eingeschränkt möglich war. Fünf Wochen lang haben sie mich dort wieder aufgepäppelt. Und selbst heute sind sie noch überrascht, dass ich es geschafft habe.

„Dass Sie heute hier auf Prothesen stehen, wundert uns nicht. Dass Sie überhaupt hier stehen, ist ein Wunder“, sagte man mir, als ich die Station später einmal besucht habe. Warum ich das alles überlebt habe, weiß nur der liebe Gott, das Universum oder das Schicksal – je nachdem, woran man glaubt. Vielleicht waren es aber auch die schnellen Reaktionen der Ärzte im Krankenhaus Zittau, des Hubschrauber-Rettungsteams der Uniklinik Dresden mit der ECMO* und natürlich die engagierten Pflegekräfte der ANE-ITS. Multiples Organversagen, Vorhofflimmern, Dialyse, beide Unterschenkel, den linken Unterarm und mehrere Fingerglieder der rechten Hand verloren … einmal alles mitgenommen, könnte man sagen.

*Die ECMO (Extrakorporale Membranoxygenierung) ist ein lebenserhaltendes medizinisches Verfahren, das vorübergehend die Funktion von Lunge – und je nach System auch des Herzens – außerhalb des Körpers übernimmt.

Welche Prothese trägst du und seit wann?
Für meine Definitivversorgung habe ich mich für die VINCENTevolution5 entschieden. Mit dieser Prothese bin ich bis heute sehr zufrieden, denn ich kann das komplette Griffschema ausschließlich über meine Muskeln ansteuern.

Zum Vergleich habe ich außerdem die Taska CX sowie die Vario Speed von Ottobock getestet. Die Vario Speed ist robuster. Wenn man beispielsweise Treppen läuft, kann man sich am Handlauf besser festhalten und hat dadurch ein sehr sicheres Griffgefühl. Die VINCENTevolution5 bietet dafür viele andere Vorteile, die die Vario Speed nicht hat. Insgesamt lassen sich 16 verschiedene Griffe ansteuern, die ich im Alltag regelmäßig nutze. Dazu gehören zum Beispiel der Tippfinger für das Arbeiten an der Tastatur, der Pinzettengriff oder auch der Kraftgriff – alles Griffe, die ich täglich brauche. Deshalb bin ich mit meiner Entscheidung bis heute sehr zufrieden.

Die direkte Konkurrenz zur VINCENTevolution5 ist für mich die Taska CX. Auch diese Hand lässt sich gut bedienen und ansteuern. Allerdings kann ich dort nicht alle Griffe über die Gestensteuerung erreichen, sondern muss für einige Funktionen das Bedienfeld an der Hand nutzen. Mein persönlicher Anspruch war es jedoch, alle Griffe ausschließlich über meine Muskeln steuern zu können. Genau deshalb habe ich mich am Ende für die VINCENTevolution5 entschieden.

Wie war es, dich an eine Prothese zu gewöhnen? Gab es Herausforderungen?
Tatsächlich war das relativ einfach. Etwa zwei Monate nach der Amputation hat mein Orthopädietechniker getestet, ob meine Muskelansteuerung gut funktioniert. Das hat zum Glück direkt auf Anhieb funktioniert. Das Steuern der Prothese und das Einprägen der verschiedenen Griffmuster haben dann nach nur zwei Tagen Training mit dem Tablet schon fast einwandfrei funktioniert.

Anfangs hatte ich allerdings recht starke Schulter- und Nackenprobleme. Dank guter ergotherapeutischer Begleitung und regelmäßigem Sport konnte ich diese Beschwerden aber größtenteils in den Griff bekommen.

Wo hilft dir deine Prothese am meisten im Alltag?
Ich nutze meine Prothese bei all meinen sportlichen Aktivitäten, zum Beispiel beim Fahrradfahren. Aber auch im Alltag ist sie für mich eine große Unterstützung – sei es bei der Arbeit an der Tastatur, beim Öffnen, Tragen oder Halten von Gegenständen, beim Anziehen oder jetzt im Sommer bei der Gartenarbeit. Eigentlich begleitet sie mich in fast allen Lebenssituationen. Und nicht zuletzt trägt sie für mich auch dazu bei, ein Stück weit wieder „normal“ auszusehen.

Welchen Tipp hast du für andere Amputierte?
Trotz dieses krassen Schicksalsschlags habe ich tatsächlich nie ans Aufgeben gedacht. Im Leben gibt es für mich zwei Möglichkeiten: den Kopf in den Sand stecken oder weitermachen. Was würde es mir bringen, aufzugeben? Noch mehr Muskelschwund, noch mehr Wunden, Depressionen? Das war und ist für mich keine Option. Also heißt es: kämpfen – auch wenn es manchmal verdammt hart ist.
Und ich denke, ich kann stolz darauf sein, was in den letzten 16 Monaten alles passiert ist und welche Fortschritte ich gemacht habe.

Das habe ich meiner Familie, der Klinik Bavaria Kreischa sowie den großartigen Orthopädietechnikern der Orthopädie- und Rehatechnik Dresden zu verdanken – dem Mann für oben (Handprothesen) und dem Mann für unten (Beinprothesen).

Den Mann für die Mitte suche ich allerdings noch. 😉 Mit diesem Spruch konnte ich meine Therapeuten immer zum Lachen bringen.

Lachen ist für mich sowieso eines der wichtigsten Dinge im Leben. Es hat mich während der acht Monate Reha genauso getragen wie die tollen „Mitgefangenen“. Klingt komisch, ist aber so: Die Zeit dort war trotz allem schön. Jeder hatte seine eigene Geschichte, jeder sein eigenes Schicksal. Und trotzdem haben wir gemeinsam gekämpft, uns gegenseitig Halt gegeben, uns motiviert oder manchmal einfach nur zugehört.
Deshalb: Dranbleiben! Niemals aufgeben und versuchen, das Ganze – so wie ich – mit einer gewissen Leichtigkeit und auch mal spielerisch zu sehen. Denn je mehr man übt, desto besser wird man.

You can’t go back and change the beginning, but you can start where you are and change the ending. 🦾

Lächelnde Frau, etwa 30–40 Jahre alt, mit Brille, Jeansjacke und Zebra-Kleid zeigt eine schwarze Handorthese in einer hellen Wohnküche.